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„Gera muss sich nicht verstecken“ - Neue Kulturamtsleiterin in der Stadtverwaltung ab 01. Januar 2020: Dr. Claudia Tittel stellt sich vor


Geras Kultusamtsleiterin: Dr. Claudia Tittel Der ein oder andere Thüringer wird Ihren Namen schon einmal gehört haben. Woher?

Seit 2011 wohne ich in Gera und habe mich von Anfang für Geras Kultur engagiert. Ich war und bin begeistert, was Gera zu bieten hat. Besonders beeindruckend fand ich damals den Kunstverein, der als bürgerliche Institution herausragende zeitgenössische Kunst zeigt und deshalb 2016 auch für den AdKV-Preis nominiert war. Deshalb habe ich auch als erstes Ausstellungen für den Kunstverein kuratiert. Später kamen dann Kooperationsprojekte mit dem Museum für Angewandte Kunst, der Kunstsammlung Gera sowie der Klassik Stiftung in Weimar hinzu. In diesem Jahr habe ich zusammen mit meinen Studierenden der Bauhaus-Universität in Weimar mit der Stiftung Bauhaus Dessau sowie dem Theater Altenburg-Gera und der Kunstsammlung Gera zusammengearbeitet. Im Rahmen meiner Ausstellung „Intermediale Experimente am Bauhaus. Kurt Schmidt und die Synthese der Künste“ haben Studierende und professionelle Tänzerinnen und Tänzer das „Mechanische Ballett“ im Theater auf die Bühne gebracht. Vielleicht kennen mich daher die Leute. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass mich die Menschen im Zusammenhang mit der Häselburg kennen – den Gebäudekomplex haben mein Mann und ich 2016 von der Stadt erworben und bauen ihn seitdem mit vielen Helferinnen und Helfern zu einem Zentrum für Kunst, Kultur und Kreativität um. Auch hier konnte ich zeigen, dass ich nicht rede, sondern v.a. mache. Kultur ist für mich ein wichtiger Motor für Stadtentwicklung und wenn ich mir die Geraer Kultur anschaue, dann bin ich der Meinung, dass sich Gera nicht vor den Nachbarn verstecken muss. Wir sind auf einem guten Weg.
Sie werden ab Januar die neue Kulturamtsleiterin der Stadt Gera sein. Wie kam es dazu, dass Sie sich beworben haben?

Gera hat eine großartige, breitgefächerte Kulturszene – mit dem 5-Sparten-Theater und den Museen viel Hochkultur, aber auch eine vielfältige Breitenkultur. Viele engagierte Bürger setzen sich für Kultur ein. Dieses Potenzial in der Stadt möchte ich nutzen und mit Kultur das Image der Stadt verbessern. Nicht nur Sport, sondern auch Kultur verbindet die Menschen - Bürger ebenso wie Touristen und Gäste.

Mein Wunsch ist es, Geras Kultur zu neuer Blüte zu führen. Ich möchte etwas für meine neue Heimatstadt tun. Als Kulturamtsleiterin verfolge ich ganz klar die Vision, Gera als Kulturstadt zu vertreten und zu fördern. Ich möchte die bereits lebendige Kulturszene weiterentwickeln und neue Impulse setzen. Ich habe mich beworben, um der Stadt meine jahrelange kulturpolitische Erfahrung, meine Expertise in der Fördermittelakquise, aber auch meine Kontakte in die internationale Museumslandschaft und zu herausragenden Forschungsinstitutionen zur Verfügung zu stellen. Ich möchte etwas bewegen und bin in dem besten Alter, um noch einmal durchzustarten. Wenn es diese Stelle jetzt nicht gegeben hätte, hätte ich mich wahrscheinlich woanders beworben. So kann ich mein Engagement hier vor Ort ausbauen und trotzdem bei meiner Familie bleiben. Es ist also eine Win-Win-Situation.


Welche Ziele haben Sie sich in Ihrem neuen Aufgabengebiet gesteckt?

Als Kulturamtsleiterin möchte ich ganz klar den Weg weitergehen, den Gera in den letzten Monaten mutig gegangen ist. Die Kulturhauptstadtbewerbung hat uns gezeigt, was in Gera steckt. Auch wenn wir nicht auf die Shortlist gekommen sind, so haben wir doch einen wertvollen Prozess angestoßen und uns über die Rolle von Kultur für Gera und für die Gesellschaft verständigt. Mir ist es wichtig, die Kunsthäuser und Museen zu fördern und zu unterstützen, aber auch mit der freien Kunstszene zusammenarbeiten. Es gibt sehr gute Künstlerinnen und Künstler in der Stadt. Wir müssen von innen heraus alles tun, damit die Wahrnehmung und das Verständnis von Kultur nicht elitär bleibt, sondern alle Bürgerinnen und Bürger sich mitgenommen fühlen. Kultur bildet und macht stark – daran glaube ich. Wenn die Geraer selbst verstehen, welche Schätze Gera besitzt, wie reich es an Kultur ist, dann werden wir auch überregional wahrgenommen.

Das Bauhausjahr 2019 war bereits vorbildlich. Es wurden alle kulturellen Projekte hervorragend koordiniert. Man hat die Projekte zusammen beworben und ist gemeinsam aufgetreten. Die Besucherzahlen geben dem recht: Sie sind auf über 10.000 in den Museen gestiegen. Solche Ereignisse/Jahrestage müssen genutzt werden. Ich möchte Themenjahre etablieren, in denen die einzelnen Häuser, aber auch die Vereine zusammenarbeiten. Ein Thema sollte von den unterschiedlichen Häuser aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchtet werden. Wenn wir an einem Thema gemeinsam arbeiten, stärkt das nicht nur den Gemeinsinn, sondern das hat auch einen positiven wirtschaftlichen Effekt: Es können mehr Fördergelder eingeworben werden. Gleichzeitig steigen auch die Besucherzahlen.

Wir müssen stabile Strukturen in der Museumslandschaft schaffen, aber auch das KuK sanieren und die Märkte und Veranstaltungen attraktiver machen. In den Museen wie dem Naturkundemuseum, aber auch im Museum für Angewandte Kunst gibt es einen großen Sanierungsstau, vom Otto-Dix-Haus ganz zu schweigen. Wir müssen Sammlungsstrategien für die Museen entwickeln. Es gibt viel zu tun. Das schaffe ich natürlich nicht allein, sondern ich möchte vertrauensvoll mit der Verwaltung zusammenarbeiten. Die jahrelangen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen am besten, wo der Schuh drückt. Natürlich möchte ich trotzdem neue Impulse setzen, aber nur gemeinsam können wir viel erreichen. Da bin ich mir sicher.


Haben Sie Hobbys, wie schaffen Sie für sich einen Ausgleich?

Ich gehe sehr gern wandern. Wenn der Körper in Bewegung ist und an der frischen Luft, werden auch die Gedanken frei. Ich genieße es, in den Bergen die Gedanken schweifen zu lassen. Da tanke ich auf. Aber ich liebe es auch, Tango zu tanzen – mit meinem Mann. Wir haben in Berlin viel Tango getanzt und haben das in letzter Zeit in Gera wieder für uns entdeckt und tanzen nun in der Tanzschule Schulze am Naumannplatz. Auch Klavierspielen ist ein toller Ausgleich für mich. Wenn man direkt vom Blatt spielt, muss man sich sehr konzentrieren – das lenkt ab. Man muss dann zwangsläufig abschalten.

Was sagen Sie zu dem Begriff „Kulturbanause“?

So etwas wie einen Kulturbanausen gibt es für mich nicht. Selbst wenn Menschen nicht viel mit der „klassischen“ Kultur anfangen können, sie nie an die sogenannte „Hochkultur“ herangeführt wurden, kann jeder die ästhetische Schönheit von Dingen oder Musik empfinden. Doch Kultur beginnt für mich bereits bei banalen Dingen wie Essen oder Schreiben und Lesen – den einfachen Kulturtechniken. Kultur ist für mich ganz und gar nicht nur der enge Hochkulturbegriff, sondern etwas viel Individuelleres mit unendlich vielen Facetten.

Haben Sie das schon immer so gesehen?

Nein, auch ich habe oft und viel über den Begriff Kultur nachgedacht. Kultur kommt vom lateinischen Wort „colere“ und bedeutet bewahren, pflegen und bebauen. Alles, was Menschen hervorbringen, ist Kultur. Über uns in Berlin wohnte z.B. der Manager der Gruppe „Die Fantastischen Vier“. Er sprach immer von seinen vier Künstlern. Mir erschien das damals anmaßend, für mich waren Künstler nur solche, die „echte“ Kunstwerke hervorbringen, die in Museen oder Galerien ausgestellt werden. Doch mein Nachbar hatte Recht. Man kann alles, was Menschen gestaltend hervorbringen, alles, was sie mit Herzblut für die Nachwelt erschaffen, als Kunst bezeichnen. Wir müssen unseren Kulturbegriff unbedingt erweitern – dann ist Kultur auch nicht mehr nur elitär und vom Leben abgehoben, sondern macht richtig Spaß.

Veröffentlichung: 02.01.2020