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    Öffnungszeiten
    Mittwoch bis Sonntag und an Feiertagen von 12 bis 17 Uhr

Bakelit. Vom Kunststoffdesign der 1920er bis 1950er-Jahre

Sonderausstellung im Museum für Angewandte Kunst bis 15. Februar 2015 verlängert


Schauen sich während der Eröffnung gemeinsam die Exponate an: Kuratorin Christina Bitzke, Hellmuth Rudolf, 2. Vorsitzender des Fördervereins „Freunde des Ferberschen Hauses“, Sammler Peter Flier, Mirko Albrecht, Vorstandsmitglied des Vereins, Journalistin Anja Thamke und Museumsleiter Holger Peter Saupe. (Bastian Müller) Im Rahmen der 16. Geraer Museumsnacht eröffnete das Museum für Angewandte Kunst eine neue Sonderausstellung, die sowohl technikhistorische als auch kultur- und designgeschichtliche Klassiker aus dem umgangssprachlich Bakelit genannten Kunststoff präsentiert. Die Ausstellung bietet einen pointierten Überblick zu diesen Erzeugnissen, von denen bereits einige Design-Geschichte geschrieben haben. Eine Rolle spielen hierbei technische Entwicklungen des Rundfunks, der Telekommunikation, der Fototechnik und des Haushaltes. Zu sehen ist dabei alles vom Staubsauger bis zum Rasierapparat, von Autozubehör über Schalter, Steckdosen sowie Türklinken, Büroausstattungen mit Schreibmaschine bis hin zum Füllfederhalter sowie Einrichtungsgegenstände und Spielzeug als Spiegelbild der Erwachsenenwelt. Neben Gestaltungen von Friedrich Adler oder dem Bauhäusler Christian Dell, die auch als Pioniere des Kunsstoffdesigns gelten, sind beispielsweise Entwürfe von Wells Coates, Walter Dorwin Teague oder Raymond Loewy sowie Klassiker des DDR-Designs von Wolfgang Dyroff und Hans Merz zu sehen.

Den aufsehenerregenden synthetischen Stoff entwickelte, basierend auf vorangegangene Forschungen, Leo Hendrik Baekeland (1863 – 1944) in den USA (Patent 1907) und benannte ihn nach sich selbst. 1909/1910 gründeten Baekeland und Julius Rütgers, in Erkner bei Berlin, die erste Kunststofffabrik der Welt. Zunächst als Ersatzstoff für den teuren Schellack in der aufstrebenden Elektrotechnik gedacht, erwies sich die schwärzlich bis braune oder rotbraune unempfindliche Masse bald als Kunststoff mit den tausend Möglichkeiten, wie es Baekeland selbst formulierte und die nicht nur in technischen Bereichen breite Anwendung fand. Mit dem Auslaufen der Patente von Leo Hendrik Baekeland entstanden im Sog der allgemein einsetzenden Kunststoffeuphorie unzählige größere und kleinere Fabriken, die Phenolharzmassen (Bakelitmassen) verarbeiteten. Die rasante Entwicklung neuer Materialien und Produktionsverfahren zu Beginn des 20. Jahrhunderts führte zur Massenproduktion und –konsumtion. Somit waren Künstlerisch gestaltete Gegenstände nicht mehr das Privileg von Wenigen. Mit dem anbrechenden modernen Zeitalter begann die Kunst, sich den Alltag zu erobern und darin reihten sich Gegenstände aus Kunststoffen ein. Die neuen Gestaltungslehren und -ideen wie die des deutschen Werkbundes und später des Bauhauses, flossen in das Experimentieren mit den schöpferischen Möglichkeiten der innovativen neuen Werkstoffe ein. Mit der Verbreitung des Kunststoffes und seinen vielfältigen Nutzungsvarianten begann die Ära des Kunststoffdesigns von avantgardistischen Gestaltungen bis hin zu millionenfachen namenlosen Plagiaten. Es entstanden unzählige Geräte, für deren Herstellung und Design es keine historischen Vorbilder gab und somit für die Gestalter eine völlig neue Herausforderung darstellte.


Blick in die Ausstellung (Bastian Müller) Das Dynamik und Fortschritt verheißende Maschinen- und Stromliniendesign erwies sich als Zauberformel und kam den technologischen Gegebenheiten zur Verarbeitung von Kunststoffen entgegen. Technisch bedingte, konstruktive Elemente wurden bewusst in das Design von Alltagsgegenständen einbezogen. In den Kunststofferzeugnissen der 1920er bis 1950er-Jahre spiegeln sich nicht nur innovative technische Entwicklungen, sondern auch die Designentwicklung wider. Firmen wie Siemens, AEG oder Braun arbeiteten frühzeitig mit führenden Designern bei der Produktentwicklung zusammen, was nicht nur zu Inkunabeln des Kunststoffdesigns, sondern auch in der Verbindung mit wirksamen Werbemaßnahmen zum geschäftlichen Erfolg führte. Erzeugnisse aus Bakelit, deren Glanz in den 1950er- Jahren verblasste, sind materialgeschichtlich unwiederbringliche Dokumente und wertvolle Zeugnisse der Produktkultur des 20. Jahrhunderts.

Die umfangreiche Schau vereint zahlreiche Exponate aus der eigenen Sammlung des Museums sowie Leihgaben vieler engagierter Privatsammler, insbesondere Peter Flier (Lohmar), Dr. Günter Lattermann (Bayreuth), Günter Höhne (Berlin) oder Wieland Wünsch (Gera) sowie von verschiedenen anderen Museen. Die Realisierung des Projekts wurde vom Förderverein „Freunde des Ferberschen Hauses“ e.V. ermöglicht, vom Freistaat Thüringen gefördert und von vielen Partnern mit Sach- und Arbeitsleistungen im bürgerschaftlichem Engagement unterstützt. Die Ausstellung ist zu den Öffnungszeiten von Mittwoch bis Sonntag und an den Feiertagen von 12 – 17 Uhr oder nach Vereinbarung bis zum 15. Februar 2015 zu sehen. Die Exposition wird von öffentlichen Führungen und Vorträgen begleitet.

Veröffentlichung: 05.09.2014