Lebenslauf und Würdigung Herr Werner Simsohn

Herr Werner Simsohn wurde am 18. Dezember 1924 in Berlin geboren und lebte seit 1927 in Gera. Als Kind und Jugendlicher erlebte er hier als selbst Betroffener die Diskriminierung und Verfolgung jüdischer Familien durch den NS-Staat. Sein Vater wurde 1944 im KZ Auschwitz ermordet, andere Verwandte wurden deportiert und kamen ebenfalls um. Er selbst wurde im Oktober 1944 verhaftet und in ein so genanntes "Erziehungslager" in den Buna-Werken in Schkopau bei Merseburg gebracht, von wo ihm in den letzten Kriegswochen die Flucht gelang. ­

Nachdem Herr Werner Simsohn den notwendigen Abstand zu dem Erlebten und Durchlittenen gewonnen hatte, erkannte er die Notwendigkeit, die Geschichte der jüdischen Einwohner Geras vor dem Vergessen zu bewahren. Da es zu diesem Kapitel der Stadtgeschichte kaum archivalische Quellen gibt, konnte diese Aufgabe nur durch die Befragung Überlebender gelöst werden. Herr Werner Simsohn war sich bewusst, dass nur ein selbst Betroffener das Vertrauen der Überlebenden bzw. deren Angehöriger erringen konnte. Er stellte sich dieser großen Verantwortung. Neben seiner beruflichen Arbeit und seinem ehrenamtlichen Engagement im Sport gelang es ihm im Laufe jahrzehntelanger, mühevoller Recherchen, auf eigene Kosten und ohne institutionelle Unterstützung, eine Fülle von Anschriften in mehreren Kontinenten zu ermitteln und Dutzende von Zeitzeugen zu befragen.


Als Ergebnis liegt heute eine umfangreiche Sammlung und Dokumentation zur Geschichte der Juden in Gera vor, die bezeugt, dass die Geschichte der Stadt nicht ohne die Rolle der Juden verstanden werden kann. Das von ihm auf dieser Grundlage verfasste Manuskript vermittelt ein tiefgründiges und differenziertes Bild des Lebens, Wirkens und Leidens der Juden in Gera. Die Darstellung des Schicksals Geraer jüdischer Familien verleiht der Geschichte Namen und Gesicht. Seine Arbeit tilgt nicht nur einen weißen Fleck in der Geschichte der Stadt Gera; sie ist zugleich repräsentativ für das Schicksal der jüdischen Bevölkerung auch in anderen Orten und Regionen. Durch seine vielfältigen Briefkontakte in alle Welt konnte Herr Werner Simsohn auch viele Vorurteile aus dem Weg räumen und hat damit Wesentliches zur Hebung des Ansehens der Stadt Gera in vielen Orten und Ländern der Erde beigetragen.

Am 25. April 1995 übereignete Herr Werner Simsohn seine Sammlungen Schenkungsweise der Stadt Gera, um die Ergebnisse seines Lebenswerkes für die Zukunft zu bewahren und der Öffentlichkeit nutzbar zu machen.

Im Jahr 1997 erschien im Hartung-Gorre-Verlag Konstanz, z.T. auf eigene Kosten, der erste Band seiner auf vier Bände angelegten "Geschichte der Juden in Gera". Die Veröffentlichung dieser Bände zu einem subventionierten Preis bietet allen Geraer Bürgern, insbesondere der jüngeren Generation, die Chance, sich exemplarisch mit einem wichtigen, wenngleich dunklen Kapitel der Geschichte Geras auseinander zu setzen.

Die Initiative und Leistung von Herrn Werner Simsohn ist beispielgebend und für das Image der Stadt Gera von unschätzbarem Wert.

Die Verleihung der Ehrenbürgerwürde an ihn stellte eine dementsprechende und verdiente öffentliche Anerkennung und Ehrung dar.

Die Feierlichkeiten der Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Herrn Simsohn wurden mit der Ausstellungseröffnung "Aenne Biermann zum 100." am 01. November 1998 verbunden.